Von inga-h ·

Warum ich weiterhin philosophiere (auch wenn die Welt es nicht braucht)

Der Mensch, der außerhalb des akademischen Raums philosophiert, stößt fast unweigerlich auf Unverständnis. Diese Tätigkeit bringt weder Geld, noch Status, noch Bekanntheit – und alles, was diese drei Effekte nicht erzielt, gilt gewöhnlich als wertlos.

Diese Haltung begegnet einem nicht nur bei Menschen, die der intellektuellen Arbeit fernstehen, sondern auch unter Wissenschaftlern, Künstlern und Vertretern des Kulturbetriebs. Das Philosophieren ohne institutionellen Rahmen wird als Eigenart, als Hobby oder als Flucht vor dem „eigentlichen Tun“ wahrgenommen.

Eben deshalb ist derjenige, der sich mit Philosophie beschäftigt, immer wieder gezwungen, die Frage zu beantworten, warum er das überhaupt tut. Nicht, weil die Philosophie zweifelhaft wäre, sondern weil ihre innere Notwendigkeit nicht als Wert erkannt wird.

Die Frage, ob die Welt Philosophie braucht, wird meist so gestellt, als wäre Philosophie eine Tätigkeit, die man je nach externer Nachfrage ein- oder ausschalten könnte – als existierte sie als Antwort auf ein Ersuchen und stünde in der Pflicht, ihre Daseinsberechtigung durch die Erfüllung dieses Ersuchens nachzuweisen. Bevor man diese Frage beantwortet, ist es jedoch sinnvoll, eine andere zu stellen: Woher kommt die Philosophie überhaupt, und warum entsteht sie immer wieder neu, ungeachtet dessen, ob sie jemand braucht?

Philosophie hat nie als Auftrag begonnen. Sie ist nicht als Reaktion auf ein soziales Bedürfnis, ein praktisches Problem oder eine institutionelle Forderung entstanden. Sie entsprang einem inneren Druck des Denkens selbst – aus der Unmöglichkeit, auf die alte Weise weiterzudenken. In diesem Sinne ist das Philosophieren weniger einem Beruf oder einer Funktion verwandt, sondern vielmehr einem strukturellen Modus des Denkens.

Es gibt Menschen, für die das Nachdenken über letzte Grundlagen keine Wahl oder ein bloßes Interesse ist, sondern eine Bedingung des Denkens selbst. Sie philosophieren nicht, weil es nützlich, gefragt oder anerkannt ist, sondern weil es für sie unmöglich ist, nicht zu philosophieren. Dies ist weder eine Tugend noch ein Verdienst. Es ist kein Anspruch auf Überlegenheit. Es ist schlicht die Art und Weise, wie ihr Denken strukturiert ist.

Eine solche Notwendigkeit kann nicht von außen vermittelt, aufgezwungen oder erklärt werden. Sie lässt sich weder durch Argumente erzeugen noch durch Einwände neutralisieren. Sie ist nicht auf ein Publikum, ein Resultat oder auf Anerkennung ausgerichtet. Philosophie ist in diesem Sinne nicht an die Welt adressiert. Sie entsteht innerhalb des Denkens – und tritt erst danach in Beziehung zu Sprache, Kultur, Wissenschaft oder Gesellschaft.

Daraus folgt eine wichtige Unterscheidung: Philosophie wird nicht von jedem gebraucht. Und darin liegt weder ein Problem noch ein Mangel. Nicht jeder verspürt das Bedürfnis, Musik zu machen. Nicht jeder möchte malen oder dichten. Nicht jeder liebt Tiere. Diese Unterschiede bedürfen keiner Rechtfertigung, noch müssen sie universalisiert werden.

Philosophie ist kein universelles Bedürfnis, sondern eine innere strukturelle Notwendigkeit. Sie muss nicht massentauglich sein und sollte nicht obligatorisch sein. Versuche, die Philosophie für alle notwendig zu machen, enden fast immer in ihrer Vereinfachung, Moralisierung oder in der Reduktion auf eine Dienstleistungsfunktion.

Und doch kehrt die Frage, ob die Philosophie „von der Welt gebraucht“ wird, immer wieder zurück. Nicht, weil die Philosophie ihre innere Notwendigkeit verloren hätte, sondern weil die moderne Welt sich daran gewöhnt hat, alle Praktiken nach externen Kriterien zu bewerten: Nutzen, Anwendbarkeit, messbarer Effekt. Innerhalb dieses Rahmens erscheint alles, was kein offensichtliches Ergebnis hervorbringt, verdächtig.

Der Vergleich mit Wissenschaft und Kunst ist aufschlussreich. Die Wissenschaft ist in die Produktion von Wissen und Technologie integriert; ihr Nutzen mag indirekt sein, ist aber im Prinzip korreliert mit den ihr gestellten Aufgaben. Die Kunst hingegen wird selten nach dem Kriterium der Notwendigkeit beurteilt. Ihre Existenz wird als selbstverständlich hingenommen, selbst wenn sie niemandem „nützt“.

Die Philosophie findet sich dazwischen wieder. Von ihr wird erwartet, wissenschaftliche Strenge zu demonstrieren und gleichzeitig ihre Existenz zu rechtfertigen. Doch Philosophie ist weder Wissenschaft noch Kunst. Sie produziert kein Wissen im wissenschaftlichen Sinne und schafft keine Werke im ästhetischen. Sie arbeitet an den Fundamenten – und gerade deshalb entzieht sie sich der Bewertung durch externe Kriterien.

Wenn die Philosophie gefragt wird, ob sie von der Welt gebraucht wird, wird sie faktisch aufgefordert, ihre eigene innere Logik aufzugeben und die Sprache einer fremden Notwendigkeit anzunehmen. Doch die Philosophie ist weder als Antwort auf diese Sprache entstanden, noch entwickelt sie sich als solche. Sie erscheint dort, wo Selbstverständlichkeiten zerbrechen: Annahmen über das Wissen, das Sein, das Subjekt, die Sprache oder die Normativität. An diesen Punkten löst die Philosophie keine Probleme – sie macht das Denken über Probleme überhaupt erst möglich.

Aus diesem Grund erweist sich die Frage „Braucht die Welt Philosophie?“ nicht bloß als falsch, sondern als deplatziert. Sie ersetzt die Frage nach der inneren Notwendigkeit der Philosophie durch die Frage nach dem externen Nutzen. Sie schlägt vor, das zu messen, was nicht auf Messbarkeit ausgerichtet ist.

Philosophie kann ohne eine Welt existieren, die sie gutheißt. Die Welt kann ohne Philosophie existieren – bis sie aufhört, ihre eigenen Grundlagen zu verstehen.

Philosophie muss nicht gebraucht werden. Sie entsteht dort, wo das Denken nicht mehr unverändert fortbestehen kann.

© All rights reserved - inga-h

RSS

Briefe

Private Nachrichten zwischen Lesern und dem Autor. Nur veröffentlichte Briefe sind hier für alle sichtbar; sonst sehen nur die beiden Briefpartner sie.

Anmelden um dem Autor einen privaten Brief zu schreiben.