Zum Status der Philosophie nach dem Verlust der Exklusivität
Über einen erheblichen Teil ihrer Geschichte hinweg besaß die Philosophie einen besonderen Status. Sie galt als der Ort, an dem fundamentale Fragen entstehen und verhandelt werden durften – Fragen nach der Welt, dem Bewusstsein, dem Wissen, dem Sinn und dem Grund. Dieses Recht wurde selten ausdrücklich formuliert, faktisch jedoch als selbstverständlich vorausgesetzt.
Heute gilt diese Konstellation nicht mehr.
Die fundamentalen Fragen sind nicht verschwunden, doch sie gehören nicht länger ausschließlich der Philosophie. Sie werden ebenso in den Natur- und Geisteswissenschaften, in der Technologie, in der Kunst sowie in Denkformen bearbeitet, die keinem disziplinären Rahmen angehören. Dennoch spricht die Philosophie häufig so, als besäße sie weiterhin eine exklusive Stellung.
Dabei geht es weder um einen Niedergang der Philosophie noch um ein „Eindringen“ anderer Bereiche in ihr Terrain. Der Verlust der Exklusivität ist kein einzelnes Ereignis, sondern ein langfristiger Prozess, in dessen Verlauf philosophische Fragen keine philosophische Legitimation mehr benötigen, um überhaupt gestellt werden zu können.
Fragen nach dem Bewusstsein können ohne Philosophie bearbeitet werden. Fragen nach der Wirklichkeit entstehen ohne Ontologie. Fragen nach dem Sinn werden ohne Metaphysik verfolgt. Das bedeutet nicht, dass die Philosophie sich als falsch oder überflüssig erwiesen hätte. Es bedeutet lediglich, dass sie nicht länger der einzige Ort ist, an dem solche Fragen als legitim gelten.
Das eigentliche Problem liegt jedoch an anderer Stelle. Die Philosophie versteht sich häufig noch immer so, als hätten diese Veränderungen keine strukturellen Folgen. In ihrer Selbstbeschreibung wirkt die Trägheit einer zentralen Position fort, die institutionell und kulturell längst nicht mehr getragen wird. Sie spricht weiterhin in der Sprache des Grundes, der letzten Instanz oder der Metaposition, obwohl das Monopol, das solchen Ansprüchen einst Gewicht verlieh, nicht mehr existiert. So entsteht eine Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Stellung der Philosophie und der Weise, in der sie sich selbst beschreibt.
Aus dieser Diskrepanz gehen verschiedene stabile Reaktionsformen hervor. Eine davon ist die akademische Hermetisierung. Die Philosophie verschärft ihre internen Kriterien, verkompliziert ihre Sprache, erhöht die Zugangsschwelle und schützt auf diese Weise ihr eigenes Feld vor äußerem Druck. Exklusivität kehrt zurück – allerdings nicht durch den Inhalt, sondern durch die Form.
Eine andere Reaktion besteht in der Auflösung innerhalb der Geisteswissenschaften. Die Philosophie verzichtet auf den Anspruch eines besonderen Status und übernimmt zunehmend die Funktion einer Disziplin der Interpretation, Kritik oder Kontextualisierung. Offen bleibt dabei jedoch die Frage, worin eigentlich die Eigenart philosophischen Denkens besteht.
Daneben gibt es eine subtilere Form der Kompensation. Die Philosophie bewahrt ein Vokabular der Tiefe, der Fundamentalität und der privilegierten Reflexion, obwohl die Bedingungen, die diesen Begriffen einst ihre besondere Stellung verliehen, sich grundlegend verändert haben. Die Sprache bleibt bestehen, während die Situation, auf die sie sich bezog, allmählich verschwindet.
Dabei geht es keineswegs um die Frage, ob Philosophie überhaupt gebraucht wird. Schon diese Fragestellung greift zu kurz. Philosophie bedarf keiner Rechtfertigung ihrer Existenz – ebenso wenig wie das Denken selbst.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Welchen Status besitzt Philosophie unter Bedingungen, in denen sie kein exklusives Recht mehr auf fundamentale Fragen beanspruchen kann? Diese Frage lässt sich weder durch die Verteidigung disziplinärer Grenzen noch durch deren Aufgabe oder durch den Verweis auf Tradition beantworten. Sie betrifft nicht den Inhalt der Philosophie, sondern die Weise ihrer Präsenz in einem Denkraum, der nicht länger um sie herum organisiert ist.
Unter diesen Bedingungen ist die Philosophie weder verschwunden noch hat sie ihre Fähigkeit zu denken verloren. Verändert hat sich vielmehr ihre Stellung. Sie ist strukturell unbestimmt geworden. Diese Unbestimmtheit betrifft weder den Inhalt noch die Methoden oder die Argumentation der Philosophie. Sie betrifft ihre Selbstbeschreibung – also die Weise, in der sie ihren eigenen Ort und ihre eigenen Grenzen versteht.
Die Philosophie kann fortbestehen, ohne diese Frage zu beantworten, und historisch hat sie dies häufig getan. Zugleich gerät sie jedoch immer häufiger in Situationen, in denen ihre früheren Formen der Selbstverständlichkeit ihre tatsächliche Lage nicht mehr angemessen beschreiben.
In diesem Sinne ist die Frage nach dem Status der Philosophie nach dem Verlust der Exklusivität weder eine Frage des Niedergangs noch eine Frage der Konkurrenz. Sie ist eine Frage ihrer Selbstbeschreibung – einer Selbstbeschreibung, die mit der veränderten Stellung der Philosophie im gegenwärtigen Denkraum nicht mehr Schritt hält.